Die einen rühmen die „kreative Atmosphäre“, andere bemängeln, dass man vor lauter Latte Macchiato bei unausgegorenen Kreativmeetings gar nicht zum Arbeiten kommt. Es geht um Coworking Spaces – Bürogemeinschaften, in denen sich vornehmlich kreative Einzelkämpfer und kleinere Start-ups tummeln, um Schreibtisch an Schreibtisch zu arbeiten und sich die Büro-Infrastruktur zu teilen. Wir sprachen mit Kommunikationsdesigner Andreas Wünsche vom Coworking Space in Nürnberg über die Vor- und Nachteile dieses Trends.
Hi Andreas, du bist (freiberuflicher) Art Director und arbeitest in einem Coworking Space in Nürnberg. Wie dürfen wir uns die Arbeit in einem Coworking Space vorstellen? Wie viele Leute arbeiten da? Welche Profession haben die? Welche Infrastruktur gibt es?
Der Coworking Space in Nürnberg befindet sich inmitten der Altstadt in Nürnberg. Er besteht im wesentlichen aus drei Räumen/Bereichen.
Ein Bereich ist der Arbeitsraum. Dort stehen Tische zur Verfügung, die man sich z. B. im Monatsabo mietet. Normalerweise hat man allerdings nicht seinen eigenen Arbeitsplatz, sondern setzt sich an den Platz der gerade frei ist. Der Coworking Space bietet diesen Raum inklusive Nutzung von Internet und weiteren Diensten nach Bedarf, wie eigene Postadresse, Schließfach oder auch Telefonzellen an, in denen man ungestört mit seinen Kunden telefonieren kann. Weitere Arbeitsgeräte, wie beispielsweise Computer, werden nicht gestellt. Dadurch ergibt sich ein hoher Anteil an Selbständigen/Freiberuflern, die bis auf einen Laptop, kaum auf Equipment angewiesen sind, insbesondere aus den Bereichen Internet, Programmierung, Marketing, Werbung, Text, Social Media.
Ein extra Raum steht für Konferenzen zur Verfügung. Er ist ausgestattet mit Beamer und bietet ideale Rückzugsmöglichkeit für intensive Besprechungen. Hier können Unternehmen ihre Mitarbeiter für ein Wochenende unterbringen, um fernab des alltäglichen Geschehens neue Ideen und Projekte zu entwickeln.

Der dritte Bereich ist das Café bzw. die Lounge. Dieser Ort bietet Entspannung und gleichzeitig Kommunikation. Hier tauschen sich Menschen über Privates aus oder es entstehen neue geschäftliche Kontakte. Ich lade gerne Kunden zu Kundengesprächen ein, weil die Atmosphäre gemütlich ist und auch etwas urbanes hat. Die Lounge ist gleichzeitig Anlaufstelle für kulturelle Events, die hier ebenfalls stattfinden: Social Media Breakfast, Theater, Ausstellungen, Lesungen oder auch CD-Release eines Künstlers.
Seid Ihr eine richtige Kreativgemeinschaft? Oder arbeitet doch eher jeder für sich?
Kreativgemeinschaft kann man in mehreren Dimensionen definieren. Zum einen entstehen durch Kontakte und Sympathien tatsächlich Zusammenarbeiten. Ich werde in Zukunft mit einem Webentwickler Projekte umsetzen, auch eine SEO Spezialistin habe ich bereits beauftragt.
Zum anderen entsteht eine Kreativgemeinschaft auch dadurch, dass man generell mit Menschen in Kontakt ist. Wir tauschen uns aus über Berufliches aber auch Privates – Interessen, Familie, Hobbies. Das fördert Zusammenhalt, Sozialkompetenz und steigert auch meine eigene Kreativität, wenn ich nicht ständig in meinem eigenen Zimmer im Allltagstrott versinke.
Setzt Ihr auch gemeinsam Projekte um? Gibt es dafür Beispiele?
Der Coworking Space ist ideal auch für Start-ups, die für eher geringes Geld Büroraum brauchen. Ein Onlineportal für selbstgestalteten Schmuck hat zunächst in Eigenregie einen Onlineshop aufgestellt, ist dann in den Coworking Space gegangen und konnte hier auf viele Profis zurückgreifen, die dadurch das Fertigstellen des Projektes um ein Vielfaches beschleunigen konnten.
Aktuell gestalte ich in Zusammenarbeit mit dem Team vom Coworking Space das Logo und den Markenauftritt. Gemeinsam entwickeln wir Ideen und besprechen die Umsetzung. Vielleicht ist das neue Logo zum Erscheinen dieses Artikels bereits in Umlauf.
Gibt es auch Nachteile?
Nachteile ergeben sich durch den offenen Raum in der zunehmenden Lautstärke, die es manchmal schwierig machen ein Telefongespräch zu führen und gleichzeitig am Rechner Unterlagen zu bearbeiten. Für Abhilfe braucht man dann entweder Headset oder die Telefonzellen.
Berufe mit größerem Bedarf an Equipment haben weniger Möglichkeiten hier zu arbeiten: Musiker oder Fotografen beispielsweise, die im Regelfall ein komplett eingerichtetes Studio benötigen. Ein Besprechungsraum wird auf Dauer bei größerer Auslastung wohl nicht ausreichen.
Ein weiteres Manko ist aktuell die Arbeitsplatzergonomie. Daheim habe ich mir einen Arbeitsplatz mit optimaler Sitzhöhe eingerichtet. Das ist hier schwierig, weil man keinen bestimmten Arbeitsplatz hat, sondern jeden Tag seinen Arbeitsplatz neu sucht.
Mein erster Tag in einem Coworking Space … Wie verhalte ich mich? Bringe ich allen zum Einstand einen Kuchen mit? Oder fang ich einfach an zu arbeiten? Was würdest du empfehlen?
Es reicht wenn ich ein Stück Kuchen bekomme (Käsekuchen mag ich sehr gerne) ;)
Im Normalfall hat man bereits Kontakt zu jemandem aus dem Coworking Space, meist den Initiatoren, die dann vor Ort sind, um dem Neuling die Räumlichkeiten zu zeigen und eventuell den ein oder anderen vorstellt und dann kann’s aber auch schon losgehen.
Da man meist mit andern an einem Tisch oder Tischformation sitzt, kommt man sehr schnell in Kontakt und erfährt, was der andere so macht. Nach kürzester Zeit ist man schon integriert. Eine gewisse Offenheit muss man natürlich mitbringen.
Hast du schon mal in anderen Coworking Spaces gearbeitet? Läuft es da ähnlich? Oder gibt es Unterschiede?
Habe ich bislang nicht, denke aber dass es ähnlich ist und gleichzeitig Unterschiede gibt. Ich würde gerne mal für ein oder zwei Monate ins Ausland, um in neuer Umgebung an meinen Projekten zu arbeiten. Auf Mallorca gibt es einen sehr schönen Coworking Space.
Vielen Dank für das Interview!
Andreas Wünsche ist studierter Kommunikationsdesigner (FH) in Nürnberg. Er arbeitet im Bereich Webdesign, Onlineshops, Corporate Design und Illustration. Seine Kunden kommen aus sehr unterschiedlichen Branchen: Gesundheitsmanagement, Automobil, Veranstaltungstechnik, gemeinnützige Vereine, Steuerberater, Grillbedarf, Textilunternehmen, Coaching, Internetagenturen, Tiergarten, Personalunternehmen, etc.
Eine tollen Überblick über Coworking Spaces weltweit bietet übrigens desksurfing. Aber was haltet Ihr eigentlich von dem Thema? Welche Erfahrungen habt Ihr in Coworking Spaces gemacht? Und könnt Ihr Spaces weiterempfehlen?

am 22. März 2012
Wir sind mit unserem kompletten Webworker-Team im August letzten Jahres von Leipzig nach Berlin übergesiedelt. Seitdem bekommen wir tagtäglich mit, wie das Thema Coworking an allen Ecken aus dem Boden schießt. Da wir uns in unserem Kerngeschäft ohnehin mit Startups und Freelancern aus der Berliner Webszene beschäftigen und ein starkes Netzwerk aufbauen, möchten wir diesen nun auch flexible Arbeitsplätze anbieten. Ab April ist es offiziell soweit: Das Coworking Center “Webworker Berlin” öffnet im Umspannwerk Kreuzberg seine Pforten! Kommt einfach vorbei uns schauts euch an, wir sind auch jetzt schon vor Ort ;-)
Location:
http://www.webworker-berlin.com/coworking